Musik als Kraftquelle im Sperrgebiet:
Das vergessene Archiv des Ewald Jung
Im Jahr 2011 übergab Martha Jung eine unscheinbare Sammlung handgeschriebener Noten an den Kaufbeurer Kirchenmusiker Albin Wirbel. Es war der Moment, in dem ein fast vergessenes Lebenswerk aus dem Schatten der Geschichte trat: die „Sammlung Ewald Jung“. Entstanden zwischen 1946 und 1966 unter den repressiven Bedingungen der Nachkriegs-Tschechoslowakei, dokumentiert dieses Archiv nicht nur die musikalische Praxis einer bedrohten Minderheit, sondern den entschlossenen Widerstand eines sudetendeutschen Laienmusikers gegen die kulturelle Auslöschung. In einer Ära, in der Identität staatlich dekonstruiert wurde, schuf Jung ein Refugium des Klangs, das heute als transnationales Gedächtnis wiederentdeckt wird.
Die Hauptentstehungszeit der Sammlung fällt in die finstersten Jahre der stalinistischen Repression. Mit den Kirchengesetzen von 1949 und der gewaltsamen „Aktion K“ (Klosterauflösungen 1950) versuchte der tschechoslowakische Staat, die geistliche Infrastruktur systematisch zu zerschlagen. Klöster waren nicht nur religiöse Zentren, sondern die primären Bibliotheken der Tradition; ihre Auflösung kam einer „Säuberung“ gleich, bei der religiöse und deutschsprachige Bestände als „bürgerlich-dekadent“ entfernt wurden.
Ewald Jung wirkte in dieser Zeit im nordböhmischen Grenzland, das nach 1951 als streng bewachte „Sperrzone“ faktisch von der Außenwelt abgeschnitten war. Als Laienmusiker übernahm er eine monumentale Verantwortung: Da der Zugriff auf sakrale Musik durch die Verstaatlichung der Privatverlage (1948) abgeschnitten war, wurde er zum „schöpferischen Bewahrer“. Durch akribische Abschriften und Tonsatzstudien rettete er ein funktionierendes Repertoire für Gemeinden wie Hermannsthal und Radl vor dem Verstummen.
„Die verbliebene deutsche Minderheit lebte hier in einer doppelten Isolation: politisch durch das Regime und kulturell durch den eklatanten Mangel an Notenmaterial, da der Zugriff auf sakrale Musik durch die Verstaatlichung der Privatverlage nach 1948 nahezu vollständig abgeschnitten war.“
Inmitten der staatlich verordneten „Formalismus-Debatte“, die sakrale Kunst als rückständig diffamierte, setzte Jung eine „schöpferische Restauration“ entgegen. Seine Arbeit war kein bloßes Hobby, sondern eine archivarische Notrettung unter Extrembedingungen.
Trotz der staatlich verordneten Segregation belegt die Sammlung eine außergewöhnliche „gesinnungsüberschreitende fachliche Solidarität“. Ewald Jung fand in dem tschechischen Suk-Schüler und Prager Professor Stanislav Jelínek (1907–1993) einen Mentor, der ihm akademische Expertise vermittelte. Diese Verbindung zwischen einem sudetendeutschen Laien und einem tschechischen Akademiker war eine stille Auflehnung gegen die ethnische und politische Spaltung der Zeit.
Daraus entwickelte sich die sogenannte „Ländliche Moderne“. Diese spezifische Stilistik ist eine Synthese aus dem cäcilianischen Erbe, spätromantischen Formen und den harmonischen Erweiterungen der Prager Schule. Ein physisches Denkmal dieser tiefen fachlichen Freundschaft ist das Dedikations-Autograph des Ave Maria (ID 31) von 1962, das Jelínek mit einer persönlichen tschechischen Widmung für Jung versah – ein Beweis dafür, dass die Sprache der Musik selbst den Eisernen Vorhang transzendierte.
Ein besonders aufschlussreicher Befund ist die Deutsche Messe von Franz Schubert (ID 26), die in Jungs Sammlung paradoxerweise in einer lateinischen Fassung vorliegt. Was auf den ersten Blick wie ein kirchenmusikalischer Rückschritt wirkt, entpuppt sich bei genauerer Analyse als hochpolitische Überlebensstrategie.
In den 1950er Jahren war die deutsche Sprache in der Tschechoslowakei politisch toxisch und im öffentlichen Raum massiv unter Druck. Die Rückführung von Schuberts volkssprachlichem Werk in das Lateinische schuf einen neutralen Schutzraum. Das Latein fungierte als universale Kirchensprache, die es den Sudetendeutschen ermöglichte, ihr kulturelles Erbe (Schubert) zu pflegen, ohne die politischen Reibungsflächen der deutschen Sprache zu touchieren. Hier wog der funktionale Bedarf der „Gebrauchsmusik“ und der Schutz der Identität schwerer als die werkgetreue Originalität.
Jung und seine Zeitgenossen besaßen ein feines Gespür für die emotionale Wirksamkeit großer Melodien, die sie für den Sakralraum nutzbar machten (Kontrafakturen). Wenn kein sakrales Notenmaterial zugänglich war, wurden weltliche Meisterwerke kurzerhand „geheiligt“. Die Grenze zwischen Opernhaus und Kirche wurde fließend, solange die Musik die Gemeinde im Innersten erreichte.
Markante Beispiele dieser Praxis in der Sammlung sind:
Die Sammlung ist zudem eine unbestechliche soziologische Primärquelle. Besonders deutlich wird dies in Jakob Güttlers Kaisermesse (ID 45). In den Randnotizen der Manuskripte hat Jung die Aufführungspraxis dokumentiert, die wie ein Protokoll des langsamen Sterbens einer Tradition wirkt. Während 1951 noch ein 14-köpfiges Orchester und ein stattlicher Chor zur Verfügung standen, schrumpfte die Besetzung bis 1961 auf einen kläglichen Rest von lediglich fünf Sopranen und einem Glockenspiel zusammen. Diese Notizen sind das bittere Zeugnis einer verschwindenden Welt, festgehalten von einem Mann, der sich weigerte, das Ende zu akzeptieren.
Ein letztes, kraftvolles Zeugnis der Resilienz findet sich in der Materialität der Notenblätter selbst. Nach der Währungsreform von 1953, die die Bevölkerung de facto enteignete, war hochwertiges Papier in der sozialistischen Mangelwirtschaft ein unerreichbarer Luxus. Dennoch bestehen Jungs Manuskripte aus erstklassigem Folio-Papier, oft mit Wasserzeichen versehen.
Die akribische Niederschrift in schwarzer, blauer und roter Tusche war weit mehr als Fleiß; sie war ein liturgischer Akt und ein stiller Protest gegen die graue Monotonie der Planwirtschaft. In einem Umfeld, das religiöse Kunst als wertlos deklarierte, setzte Jung durch die handwerkliche Brillanz seiner Abschriften ein Zeichen der absoluten Wertschätzung. Es war die „Materialität des Gedenkens“, die sicherstellte, dass diese Tradition physisch überdauern konnte.
Die Sammlung Ewald Jung ist ein transnationales Archiv, das die tschechische, deutsche und österreichische Musiktradition in sich vereint. Dank der wissenschaftlichen Aufarbeitung durch Albin Wirbel und der digitalen Edition an der Dominikus-Kirche Kaufbeuren kann diese Musik heute, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung im Sperrgebiet, wieder hörbar. Sie ist das Vermächtnis einer kulturellen Kraft, die politische Brüche und Vertreibung überstanden hat.
Es bleibt die Frage, die uns dieses Archiv heute stellt: Welche verborgenen Schätze unserer eigenen Geschichte warten nur darauf, dass wir ihnen wieder eine Stimme geben?
In diesem Video (durch ki erstellt) wird die wissenschaftliche Erschließung der „Sammlung Ewald Jung“ präsentiert. Ein außergewöhnliches Konvolut von 116 handgeschriebenen Manuskripten (ID 1–116), die zwischen 1946 und 1966 in der nordböhmischen Diaspora entstanden sind.
Die Sammlung dokumentiert die kirchenmusikalische Praxis unter den Bedingungen politischer Repression und Materialknappheit in der Nachkriegs-Tschechoslowakei sowie den Transfer dieses kulturellen Erbes nach Bayern.
Zentrale Forschungsinhalte des Videos:
Eckdaten der Sammlung:
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Merkmal |
Wissenschaftlicher Befund |
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Umfang |
116 Identifikationsnummern (ID 1–116) |
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Zentrale Gattung |
Über 30 Ave-Maria-Vertonungen |
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Besetzungsschwerpunkt |
Violine/Violoncello und Orgel |
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Herausgeber |
Albin Wirbel (*1971) |
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Status |
Unikat-Korpus sudetendeutscher Musikgeschichte |
Digitales Archiv & Edition
Die gesamte Sammlung steht zur praktischen Revitalisierung und wissenschaftlichen Einsicht hier im digitalen Notenarchiv der Dominikus-Kirche Kaufbeuren zur Verfügung.
Hinweis: Die Originalmanuskripte sollen als Akt der Völkerverständigung an eine Bibliothek im Sudetenland zurückkehren, um dort als Teil des regionalen Gedächtnisses fortzubestehen.
Hier erfahren Sie demnächst mehr über die Sammlung Ewald Jung
Hier erfahren Sie demnächst mehr über die Entstehung und lesen eine kritische Analys
Hier kommen Sie direkt zu den digitalisierten Originalen
Auf der Karte sehen Sie den Entstehungsort der Sammlung: Radl in Tschechien